Lange war es den Türken zu gefährlich, den Osten des Landes zu besuchen. Jetzt entdecken sie das Kurdengebiet - und das Christentum im Tur Abdin gleich mit.
Samstag ist Damenabend im Kloster. Da sitzen die 14 am Boden auf Matratzen, die Füße von den schwarzen Strümpfen befreit, neben sich geröstete Kürbiskerne und parfümierten Tee. Nach dem Singen geht die Jüngste herum, einen Stapel Karten in der Hand. Jede Mitschwester, jeder Gast darf eine Karte ziehen. Aramäisch beschriftet sind sie, Schwester Febronia übersetzt. "Der Herr ist auferstanden. Er ist das Leben", sagt sie und lächelt einen an. "Eine gute Karte!" Was wohl eine schlechte wäre, fragt man sich unwillkürlich. Ob dann Hölle und Fegefeuer drohten? Und ob es auch Verse gibt, die weltliche Glückseligkeit verheißen?
Tatsächlich gibt es Gäste, die genau das hier suchen: Glück für ihr Leben, Glück als Paar. Dafür fahren sie tief in den Osten der Türkei, in das Kloster, das nach einem Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche benannt ist: Mor Gabriel, Heiliger Gabriel. Das Kloster, gegründet im Jahr 397, ist eines der ältesten christlichen Klöster weltweit und das Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien. Der Metropolit der Region, die Tur Abdin genannt wird, Berg der Gottesknechte, hat hier seinen Sitz. Nur Volk hat Bischof Timotheos Samuel Aktas kaum noch.
Wie die Armenier, so fielen auch die assyrischen Christen in der Türkei dem Völkermord von 1915 zu Hunderttausenden zum Opfer. Später, in den 1960er und 1970er Jahren, suchten viele Arbeit im sicheren Westen Europas. So leben heute nur noch rund 2500 Christen im Tur Abdin.
Beten für das ersehnte Kind
Doch im Sommer, wenn in Deutschland, in Schweden, in der Schweiz die Ferien beginnen, kommen die Exil-Assyrer in die Heimat. Die älteren aus Heimweh, die Jungen allerdings treibt oft ein anderer Schmerz nach Mor Gabriel: ein unerfüllter Kinderwunsch. Eine Schwedin sitzt deshalb mit auf der blau-weiß gestreiften Matratze. Nach qualvollen, erfolglosen Hormonbehandlungen betet sie jetzt mit den Nonnen, die manchmal auch Seelsorgerinnen sein dürfen, wenn sie nicht gerade waschen, bügeln, sich um Tiere und Garten kümmern oder die Mönche bekochen. Die Nonnen gießen der Schwedin geweihtes Wasser aus dem klostereigenen Brunnen über den Kopf, bis es in den Nacken tropft. Manche Frauen verbringen auch eine Nacht auf dem Kirchenboden - im Vertrauen auf den Heiligen. Wenn es dann klappt, heißen die Kinder nach ihm: Gabriel oder Gabriela.
Mor Gabriel, das ist eine Trutzburg aus weißgelbem Kalkstein inmitten karger Berge, die jetzt, nach einem heftigen Gewitter, von einem Hauch Grün überzogen sind. Der Weg zum Kloster führt vorbei an knochigen Pferden und Nomaden. Auf den Feldern reifen Baumwolle und Getreide; bestellt werden sie oft noch von Hand, mit Pferd oder Esel vor dem Pflug. Weil die Gegend so archaisch ist, drehen Filmemacher aus Istanbul hier gern Herz-Schmerz-Seifenopern. So kannten die Türken das Gebiet bislang: aus dem Fernsehen, wild und klischeebeladen. Und nun entdecken sie den Tur Abdin live.
Vor ein paar Jahren noch wäre kaum ein Türke auf die Idee gekommen, Urlaub zu machen im Osten, damals PKK-Land. Doch die Checkpoints sind verschwunden, die Region boomt. Die Vorstädte bekommen neue Hochhäuser und schmucke Moscheen. Und Luxushotels. In Mardin, der Provinzhauptstadt am Berg mit ihren engen Basargassen, haben gerade zwei eröffnet. Und die Stadt macht sich fein für die Unesco. Weltkulturerbe möchte Mardin werden. Mit seinen alten Steinhäusern, die mithilfe von Fördermitteln der EU bald von den Betonaufbauten aus den 1970er Jahren befreit sein sollen. Mit der Zitadelle auf dem Bergrücken, aus der das Militär laut eigenem Versprechen abziehen will. Mit dem Blick hinab auf die fruchtbare mesopotamische Tiefebene. Mit dem Emir-Hamam aus dem 13. Jahrhundert, in dem eine Dame im Format einer Sumo-Ringerin die Frauen durchknetet.
Wiederentdeckung des Christentums
Die noblen Hotels: Sie sind schon jetzt ausgebucht. Ein Kongress hier, eine Reisegruppe dort. Im Hilton, dessen Zufahrtsstraße breiter ist als alle anderen Straßen der Stadt, stehen ein paar Japaner am Buffet. Vor allem aber kommen Türken, die den lange vernachlässigten Osten ihres Landes erkunden. Und die dabei einen fast verloren gegangenen Teil ihrer Kultur wiederfinden: das Christentum.
Auf dem Parkplatz vor Deir Az-Zafaran, dem Safrankloster, stehen drei Busse. Ein paar Kilometer nur sind es von Mardin bis hierher. Das Kloster, dessen Mauern im Abendlicht verwunschen gelb-rot leuchten, gehört - neben der Altstadt von Midyat und der Nekropole von Dara, dem spätantiken Anastasiupolis, mit ihren gewaltigen Zisternen - zum Standard-Besichtigungsprogramm in der Region, die die Gruppen auf ihrem Weg vom Nemrud Dag zum Van-See besuchen.
An drei Tischen im Kloster-Café sitzen Istanbuler Mitglieder des Lions-Clubs, der seine Vorstandswahl hierher verlegt hat. "Diese Felder, diese Ursprünglichkeit", schwärmen die Frauen, "diese schönen Kirchen!" Oben am Hang, im Kloster, in dessen Katakomben in vorchristlicher Zeit der Sonnengott Shamash verehrt worden sein soll, fotografieren sich die Muslime. Arm in Arm vor dem Altar, zwei Männer kniend, in Pseudo-Gebetshaltung. Fremdelnd mit der fremden Religion.
"Bei uns könnte man auf der Toilette essen"
Mit 100.000 Tagesgästen rechnen sie in Mor Gabriel in diesem Jahr. Das sind zehnmal so viele wie vor zehn Jahren; und die Zahl steige kontinuierlich, sagt Isa Dogdu, der Sekretär des Bischofs. Manche Muslime kämen mit Vorurteilen, erzählt er. Etwa, dass es dreckig sei bei den Christen. "Dabei könnte man bei uns auf der Toilette essen."
Sie haben ja alles renoviert, die Mauern, die Gästezimmer, die Pilgern vorbehalten sind, alles mithilfe der Spenden der Diaspora-Assyrer. Finanziell nämlich profitieren sie im Kloster von den Touristen nicht. Die Führungen sind kostenlos, selten gibt es ein Trinkgeld für die Studenten, die durchs Kloster geleiten. Lohnend seien die Führungen trotzdem, sagt Dogdu. Die Muslime sollen verstehen, was die Christen glauben. Und wie sie leben in diesem, ihrem gemeinsamen Land...
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