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Der Aramäer Nabonid auf den babylonischen Thron
Ein Großteil der umfangreichen Baumaßnahmen von Nebukadnezar hatten den Zweck, die Verteidigungsposition der Hauptstadt zu erhöhen. Trotz dem Frieden, den Nebukadnezar durch seine kluge Politik und militärischen Feldzügen gegen Störenfriede geschaffen hatte, wußte er um die drohenden politischen Veränderungen jener Zeit, denn die Vergangenheit stand als warnendes Zeichen. Jede Unachtsamkeit konnte das Ende bedeuten. Zudem verspürte der König von Babylon durchaus den unheimlichen Druck, den die Völker im Osten auf sein Land ausübten. Die letzten Jahre Nebukadnezars waren möglicherweise von inneren Unruhen geprägt, jedoch besitzen wir über die letzte Phase des großen Friedenskönigs von Bethnahrin leider keine genauen Nachrichten, so daß wir nur mutmaßen können. Aber die darauffolgende instabile Lage, legt die Vermutung nahe, daß es zu Ende der Herrscherzeit Nebukadnezars Probleme aufgetaucht sind, die sich jedoch nicht gravierend ausgewirkt hatten. Im Jahre 562 v.Chr., starb der über vierzig Jahre alte König Nebukadnezar und hinterließ ausgeschlossen einiger Probleme in jeder Hinsicht ein konsolidiertes Reich.
Die Nachfolge trat sein Sohn Amell-Marduk an, von dem wenig mehr bekannt ist als die Tatsache, daß er in Babylonien unbeliebt war. Nach einer Regierungszeit (561-560) von 2 Jahren wird Amel Marduk bei einem Aufstand getötet. Die Drahtzieher des Komplotts waren sein Schwager Neriglissar, ein erfahrener babylonischer General, und der Mardukklerus. In der Regierungszeit Neriglissars (559-556) treten verstärkte und verschärfte Differenzen zwischen der babylonischen Priesterschaft zu Tage. Die hauptsächlich aus Babyloniern bestehende Geistlichkeit von Esangila, aufs engste mit der chaldäischen Schicht verbündet, steht in Opposition zu den Priestern des Sin und Schamasch, deren Hauptheiligtümer sich in Ur, Larsa und Harran erheben. Neben dieser Tatsache ist aus der Zeit dieses Königs sehr wenig und zum Teil lückenhaftes bis sehr undurchsichtiges bekannt. Auf der einen Seite soll er eine aktive militärische Politik betrieben haben, und auf der anderen soll er sich wie sein Vorgänger Nebukadnezar vielen friedlichen Aufgaben, wie der Restauration von Tempeln, Palästen, Ufermauern und Kanälen, gewidmet haben.
Neriglissar stirbt 556 v.Chr. unter Umständen, die nie geklärt wurden. Sein kleiner Sohn Labaschi Marduk versuchte sich des Thrones zu bemächtigen, stieß aber auf allgemein verbreitete Opposition. Nach nur drei Regierungsmonaten beseitigte die Priesterschaft der Sin-Schamasch Partei den unmündigen Sohn des Königs und setzte einen der höchsten babylonischen Offiziere auf den Thron. Diesen Staatsstreich muß die Mardukpreisterschaft anscheinend zunächst ohne Gegenwehr hingenommen haben, aber es war ein Pulverfaß, daß zu explodieren drohte, und schließlich mit dem Verrat der Priester im Jahre 539 Babylon zu Fall bringen sollte. Aber zu dem kommen wir noch.
Nach über siebzig Jahren dynastisch verglichen mit der Frühphase des chaldäischen Imperiums wirren Zuständen kommt Nabonid 555 v.Chr. als letzter Chaldäerherrscher auf den babylonischen Thron, und stellt nominell den letzten legitimen Herrscher eines Assyrer-Suryoye Imperiums dar. Auf eine Reihe ruhiger Regierungsjahre folgten erbitterte Auseinandersetzungen mit der politisch wie wirtschaftlich sehr einflußreichen Mardukpriesterschaft, um ein neues Landwirtschafts- und Pachtsystem sowie um den Widerstand der Jünger Marduks gegen Nabonids Vorliebe für den außerbabylonischen Gott Sin.
Der neue Herrscher gehörte nicht Familie Nebukadnezars an. Vielmehr handelt es sich um einen berühmten General, der in den Diensten von Nebukadnezar und Neriglissar stand, und sich dort in vielen Schlachten und Friedensbemühungen verdient gemacht hatte. Nabonid selbst gibt offen zu, daß er nicht von königlichem Stamm sei: "Ich bin Nabonid und habe nicht die Ehre, jemand von Geblüt zu sein - das Königtum ist nicht in mir." Von seinem Vater Nabu-balassu-iqbi wissen wir nur wenig; Er soll Statthalter und Prinz gewesen sein, was darauf schließen läßt, daß er Stammesscheich in einem der größeren aramäischen Stammesverbände in Babylonien war. Jedoch wird auch vermutet, daß Nabonid einer der Nachfahren der assyrischen Generation von Harran ist, die für viele Jahre nach dem Fall des glorreichen Ninivehs, die letzte Bastion der Assyrer darstellte.
Das ist einmal mehr ein gutes Beispiel dafür, wie sich nach dem Fall des assyrischen Reiches die aramäischen und assyrischen Kulturgruppen ineinander verflechtet und vermischt hatten. Sicher ist jedoch, daß seine Mutter Adda-guppi großen und nicht zu unterschätzenden Einfluß auf ihren Sohn ausgeübt hatte. Sie war Priesterin des Mondgottes Sin von Harran gewesen und hatte nach der Eroberung der Stadt mit ihrem Sohn Zuflucht am Hofe Babylons gefunden. Sehr ungewöhnlich war ihr Lebenslauf: Sie hatte vier regierende assyrische Könige und die gesamte babylonische Phase erlebt bis sie im gesegneten Alter von 104 Jahre starb.
Als Nabonid durch einen Aufstand an die Macht kam, wehrte er sich gegen den Vorwurf, ein Usurpator oder Neuerer zu sein. Er rechtfertigte seine Herrschaft mit folgenden Worten: "Labaschi Marduk hatte sich entgegen den Wunsche der Götter auf den Thron gesetzt... Auf das Geheiß Marduks, meines Herrn,, ward ich zur Herrschaft über das Land erhoben... Ich bin der legitime Vollstrecker (der Politik) Nebukadnezars und Neriglissars, meiner königlichen Vorgänger..." Langer Rede kurzer Sinn, Nabonid vermittelte den Eindruck, daß die beiden Könige, die durch eine Revolution ihren Thron verloren hatten, gottlose Herrscher waren, während er seine Verehrung für den großen Reichsgott Marduk offen zur Schau trug und sich als getreulicher Bewahrer der Tradition seiner großen Vorgänger Nebukadnezar und Neriglissar ansah.
Tatsächlich haben diese beiden Könige den engen Rahmen eines rein babylonischen Nationalismus gesprengt und ihm einen Hauch von Ideal des Weltreiches mitgeteilt, wie es das Reich der assyrischen Könige gewesen war. Nabonid betonte dieses assyrische Erbe noch stärker als seine Vorgänger. Er nennt die Herrscher von Niniveh seine königlichen Vorfahren und macht sich zum teil ihre Titulatur zu eigen. Diese Haltung war sicher zu einem Gutteil vom Einfluß seiner Mutter bestimmt. Die greise Priesterin von Harran konnte sich schmeicheln, daß sie das Licht der Welt erblickte, als Assurbanipal auf der Höhe seiner Macht stand; daß sie die letzten 22 Jahre Assurbanipals miterlebt und ihr Priesterinnenamt in jener Stadt ausgeübt hatte, die die letzte Hauptstadt Assyriens war. Diese Gefühlsbindung an Harran, welche die Mutter ohne Zweifel auf den Sohn übertrug, sollte die Politik Nabonids eindeutig bestimmen.
Nabonid, der durch einen Gewaltstreich an die Macht gelangt war, empfand es als ein besonders starkes Bedürfnis, seine Legitimität bestätigt zu sehen, weil die nationalistischen Kreise und die Priesterschaft mit ihrer Opposition eine immer drohende Gefahr für seinen Thron darstellten. Daraus erklärt sich auch das dauernde Bestreben des Königs, seine öffentlichen Handlungen ganz und gar im Sinne unverfälschter, ehrwürdiger mesopotamischer Geschichtstradition auszuführen. Wenn immer er Tempel restaurierte, ließ er mit größtem Eifer nach den Ziegeln mit der Inschrift des ältesten Tempelbegründers suchen. Er pflegte sie dann ehrfurchtsvoll zusammen mit seiner eigenen Gründungsurkunde wieder an alter Stelle zu setzen. Auf diese Weise gab er sich das Bewußtsein, daß sich seine Regierung fest an die lange Reihe all der Könige anschloß, die seit der Grundsteinlegung nacheinander legitime Herrscher im Land gewesen waren.
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