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Interview:

WIEN. Louis Sako hat keine einfache Aufgabe. Er ist Erzbischof der chaldäisch-katholischen Kirche in der nordirakischen Stadt Kirkuk. Derzeit ist Sako auf Einladung von Pro Oriente in Wien, um mit hochrangigen Kirchen-Vertreten über die Lage der Christen in muslimischen Ländern zu sprechen.


Interview:

Die Presse: Wie sicher sind Christen im Irak?

Louis Sako: In den Kurdengebieten ist die Sicherheitslage gut. Aber in Bagdad, Mossul und Basra ist die Situation sehr dramatisch. Dort herrscht Chaos, Christen werden angegriffen. Einige Gruppen wollen in Bagdad und Basra rein sunnitische oder schiitische Viertel schaffen. In Mossul sind wahabitische Fundamentalisten aktiv. Sie denken, dass der Westen schuld an allem Unglück der Muslime ist. Und der Westen ist christlich. Diese Meinung findet man im ganzen Nahen Osten: Viele Muslime können nicht zwischen säkularen und religiösen Regierungen unterscheiden. Wir sagen ihnen immer: Die Verantwortlichen im Westen agieren nicht im Namen des Christentums.

Die Mohammed-Karikaturen und auch die Rede des Papstes in Regensburg haben zu Protesten in der islamischen Welt geführt. Bekamen Sie das zu spüren?

Sako: Ja, sehr. Wenn sie Probleme mit dem Westen haben, rächen sich die Extremisten an uns. Als Christ ist man dann immer das erste Ziel. Wir haben die Rede des Papstes zu erklären versucht; ich bin mehrmals im Fernsehen aufgetreten. Die Mohammed-Karikaturen haben wir öffentlich verurteilt. Aber auf solche Cartoons haben wir irakischen Christen ja keinen Einfluss. Im Westen gibt es Meinungsfreiheit. Viele verstehen das nicht. Was auch immer im Westen passiert: Wir Christen hier bezahlen dafür. Viele Christen aber auch Muslime flüchten aus anderen Teilen des Irak in die sicheren Kurdengebiete. Reiche Christen versuchen, in den Westen zu gelangen. Tausende Christen haben schon das Land verlassen.

Gab es Gewalt gegen Christen in Kirkuk?

Sako: Als die Karikaturen-Krise auf dem Höhepunkt war, wurden in Kirkuk zwei Kirchen angegriffen. Ich habe danach aber Besuch von muslimischen Würdenträgern bekommen, und sie haben die Attacken verurteilt. Wir haben eine sehr gute Gesprächsbasis. Vergangene Woche habe ich sie zu einem großen Abendessen eingeladen.

In Kirkuk kämpfen auch Kurden gegen Araber. Beide beanspruchen die erdölreiche Stadt.

Sako: Wem die Stadt gehört, darüber wird nächstes Jahr ein Referendum entscheiden. Derzeit gibt es überall Spannungen: zwischen Kurden und Arabern, Sunniten und Schiiten. Auch wenn es offiziell nicht eingestanden wird: im Irak herrscht Bürgerkrieg. Aber ich glaube, Kirkuks Bevölkerung ist fähig zum Dialog.

Was ist mit den Berichten über Zusammenstöße in Kirkuk? Araber sollen von Kurden vertrieben worden sein.

Sako: Zum Glück waren Gewaltakte bisher selten. Aber kriminelle Gangs und Gruppen wie al-Qaida schüren Unfrieden. Vor wenigen Tagen explodierten fünf Autobomben.

In den USA und in Großbritannien werden die Forderungen nach einem Truppenabzug aus dem Irak immer lauter.

Sako: Die Regierung in Bagdad ist schwach. Auch Iraks Armee und Polizei sind noch nicht stark genug. Ein Abzug der ausländischen Truppen wäre ein Desaster.

VON WIELAND SCHNEIDER (Die Presse) 19.10.2006

www.die-presse.com

DruckenDrucken | 18-10-2006, 20:27:00 | Admin

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